Strategien für die Auswahl von Obstsorten angesichts des Klimawandels

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Strategien für die Auswahl von Obstsorten angesichts des Klimawandels

Der Klimawandel bringt für den Anbau von Streuobst neue Herausforderungen: zunehmende Hitzewellen, Trockenheit, Spätfrost, veränderte Niederschlagsmuster sowie ein erhöhter Krankheits- und Schädlingsdruck verlangen nach einer Überarbeitung der bisherigen Strategien zur Sortenauswahl. Im Folgenden werden einige Strategien für die Sortenwahl für Streuobstwiesen genannt. Der Arten- und Sortenwahl muss eine genau Bewertung des Standortes vorausgehen. Die Erhebung und Bewertung von Boden, Klima und Gelände hinsichtlich der obstbaulichen Eignung ist die Entscheidungsgrundlage. Zudem ist zu empfehlen, die klmatische Entwicklung am jeweiligen Standort zu beachten: Wir wird sich das Klima in den kommenden Jahrzehnten verändern? Die Pflanzung von standortangepassten Arten und Sorten ist sehr wichtig und es sollten möglichst keine Kompromisse eingegangen werden.

Nutzung eines breiten Arten- und Sortenspektrums

Ein zentraler Ansatz ist die Erweiterung des Arten- und Sortenspektrums auf Streuobstwiesen. Eine zu starke Fokussierung auf wenige Arten und Sorten führt zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber klimatischen Extremen und Pathogenen.

Sortenvielfalt erhöht die Resilienz. c.ARCHE NOAH

Ein vielfältiger Sortenmix reduziert nicht nur das Risiko eines Totalertragsausfalls, sondern erhöht auch die genetische Resilienz und Förderung von Insekten- und Vogelarten durch unterschiedliche Blühte- und Fruchtphasen.

Keine Verengung des Sortiments auf regionale Obstsorten

Eine Sorte, die sich unter den bisherigen Bedingungen in einer Region bewährt hat, muss bei den bereits erfolgten und weiter voranschreitenden geänderten klimatischen Bedingungen keineswegs mehr zum Anbau in dieser Region geeignet sein. Deshalb kann die Empfehlung „regionale Sorten anzubauen“ künftig nicht mehr uneingeschränkt gelten.

Anpflanzung von Obstsorten aus denjenigen Regionen, die jetzt ein Klima aufweisen, das wir in den nächsten Jahrzehnten erwarten

Künftig sollten vermehrt Obstsorten angepflanzt werden, die sich in denjenigen Regionen bewährt haben, die jetzt ein Klima aufweisen, das wir in den nächsten Jahrzehnten erwarten. Pauschale Sortenempfehlungen können an dieser Stelle nicht gegeben werden, da die klimatischen Bedingungen der Regionen höchst unterschiedlich sind und daher auch ganz unterschiedliche Regionen ausgewählt werden müssen, an denen man sich künftig bei der Sortenauswahl orientieren kann.

Nutzung anderer klimaresilienter Obstarten

Neben klassischen Kern- und Steinobstarten sollten zunehmend auch „exotischere“, aber klimaresiliente Arten wie Maulbeere, Mandel, Edelkastanie, Walnuss, Pekanuss oder Mispel berücksichtigt werden. Eine Liste weiterer empfehlenswerter Arten finden sie im Kapitel Klimaresiliente Baumarten für den Streuobstbau. Diese Arten zeigen in trockenen und heißen Sommern eine hohe Toleranz und können Streuobst-wiesen sowohl ökologisch als auch landschaftsästhetisch bereichern.

Stärkere Berücksichtigung spät blühender Obstsorten

Frühjahrsfrost ist eines der zentralen Risiken im Klimawandel. Spät blühende Sorten bieten hier einen wichtigen Schutz, da sie die kritische Entwicklung in eine weniger frostgefährdete Phase verlagern. Die späte Blüte ist eine Strategie, um dem Frost zu entkommen. Weitere Strategien sind: Blüte ist frostfest und wird durch tiefe Temperaturen nicht geschädigt (beim Apfel gibt es deutliche Unterschiede), lange Blühdauer (neben offenen Blüten gibt es auch noch geschlossene Blüten, die später aufblühen) sowie die Fähigkeit, Jungfernfrüchte (Parthenokarpie) zu bilden. Eine gezielte Auswahl von spät blühenden Sorten kann die Ertragssicherheit deutlich erhöhen.

Stärkere Berücksichtigung starkwachsender, robuster Apfelsorten

Angesichts des voranschreitenden Klimawandels ist es sinnvoll, auf Streuobstwiesen insbesondere robuste, alte Apfelsorten anzupflanzen. Diese weisen folgende Merkmale auf:

Geringerer Pflegeaufwand bei extensivem Anbau

Robuste Sorten sind widerstandsfähig gegenüber Krankheiten wie Apfelschorf, Mehltau oder Obstbaumkrebs – das ist entscheidend, wenn keine regelmäßige chemische Behandlung erfolgt.

Bessere Resilienz gegenüber klimatischen Extremen

Starkwachsende Bäume verfügen über ein kräftigeres Wurzelwerk, das auch bei Trockenheit Wasser aus tieferen Bodenschichten holen kann. Diese Fähigkeit verleiht starkwachsenden Sorten eine Robustheit. Sie verkraften Stressfaktoren wie Temperaturschwankungen, Spätfröste und veränderte Pilz- und Schädlingsverhältnisse besser.

Höhere genetische Vielfalt

Viele ältere Sorten sind genetisch vielfältiger als moderne Züchtungen. Sie besitzen teils jahrhundertealte Anpassungen an lokale Böden und Wetterbedingungen. Diese Vielfalt erhöht die Chance, dass einzelne Sorten auch unter veränderten Klimabedingungen gut gedeihen.

Geringere Anfälligkeit für neue oder wiederkehrende Krankheiten

Die Resistenz vieler moderner Sorten basiert lediglich auf einem Resistenzgen. Diese kann leicht durchbrochen werden (wie inzwischen vielfach geschehen). Alte Obstsorten mit komplexer genetischer Widerstandsfähigkeit sind hier im Vorteil.

Höhere Langlebigkeit und Nachhaltigkeit

Starkwachsende Bäume sind oft langlebiger – und somit nachhaltiger. In Zeiten knapper Ressourcen und wachsender Umweltprobleme ist es sinnvoll, in robuste, langlebige Systeme zu investieren.

Eine Liste empfehlenswerter robuster Apfelsorten findet sich im Kapitel #Auswahl geeigneter Sorten.

Stärkere Berücksichtigung robuster Birnensorten

Auch im Bereich der Birnen existieren robuste, krankheitsresistente Sorten. Eine Liste empfehlenswerter robuster Birnensorten findet sich im Kapitel #Auswahl robuster Birnensorten für die Streubstwiese.

Nutzung eines breiten Spektrums der Unterlagen und Stammbildner – Methusalembäume

Während es nach wie vor hunderte von Apfel- und Birnensorten gibt, besteht bei den Unterlagen dieser Sorten und den Stammbildnern eine weitgehende Monokultur. Wie verhängnisvoll dies sein kann, zeigt das Beispiel der "Kirchensaller Mostbirne", die im deutschsprachigen Raum weit überwiegend als Unterlage für hochstämmige Birnensorten verwendet wird. Diese Sorte ist aufgrund der klimatischen Veränderungen hochanfällig für die Krankheit „Birnenverfall“ und dadurch kommt es immer mehr zum Absterben ganzer Birnenbestände. Um dem entgegenzuwirken empfehlen sich u.a. drei Strategien: Erstens, die systematische Identifikation und Nutzung alter, besonders widerstandsfähiger Obstbäume ("Methusalembäume") und ihrer Unterlagen. Diese zeichnen sich durch hohe Vitalität und Langlebigkeit unter trockenen Standortbedingungen und einen guten Obstertrag aus. Zweitens bedarf es der gezielten Suche nach klimaresilienten Unterlagen und Stammbildnern in Regionen mit heutigen Klimabedingungen, die den künftig erwarteten Verhältnissen in Mitteleuropa ähneln – etwa in trockenen, hochgelegenen Lagen anderer Länder. Und drittens sollte man, wie vor den 1950er Jahren üblich, Unterlagen durch die Aussaat von Kernen von gesunden Bäumen von starkwüchsigen, diploiden Sorten nutzen. Dabei empfiehlt es sich, möglichst von den eigenen Bäumen Kerne zu nehmen, da die Bäume sich an den jeweiligen Standort (Klima, Boden) zum Teil angepasst haben (Epigentik).

Anpflanzung neuer, vielversprechender Zufallssämlinge und neuer Sorten

Zufallssämlinge, die sich spontan etabliert haben und unter widrigen Bedingungen vital entwickeln, bieten wertvolles genetisches Potenzial. Auch neu gezüchtete Sorten mit spezifischen Resistenzeigenschaften sollten getestet und integriert werden, um eine dynamische Anpassung an klimatische Entwicklungen zu ermöglichen.

Fazit: Die Herausforderungen des Klimawandels erfordern ein Umdenken in der Sortenauswahl für Streuobstwiesen. Statt Beschränkung auf Tradition oder Regionalität bedarf es eines offenen, innovativen Ansatzes, der Vielfalt, Resilienz und Zukunftsfähigkeit ins Zentrum rückt. Nur so lassen sich Streuobstwiesen als lebendige Kulturlandschaften auch in Zukunft erhalten und weiterentwickeln.

Einzelnachweise

Schlitt, Michael: Streuobstwiesen und Klimaresilienz, in: Pomologen-Verein e.V., Jahresheft 2023, S. 214–226.


Auswahl robuster Apfelsorten für die Streuobstwiese

Angesichts des voranschreitenden Klimawandels ist es sinnvoll, auf Streuobstwiesen insbesondere robuste, alte Apfelsorten anzupflanzen. Dies wird im folgenden näher erläutert.

Geringerer Pflegeaufwand bei extensivem Anbau

Streuobstwiesen und agroforstliche Pflanzungen werden oft extensiv bewirtschaftet. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist dort selten oder gar nicht vorgesehen. Robuste Sorten sind widerstandsfähig gegenüber Krankheiten wie Apfelschorf, Mehltau oder Obstbaumkrebs – das ist entscheidend, wenn keine regelmäßige chemische Behandlung erfolgt. Die Widerstandskraft gegenüber Schaderregern kann jedoch nur voll zum Tragen kommen, wenn die Obstbäume durch fachgerechte Pflanzung und regelmäßigen Schnitt gepflegt werden.

Bessere Resilienz gegenüber klimatischen Extremen

Der Klimawandel bringt:

  • mehr Hitze- und Trockenperioden
  • extreme Niederschläge
  • Spätfröste im Frühling.

Starkwachsende Bäume verfügen über ein kräftigeres Wurzelwerk, das auch bei Trockenheit Wasser aus tieferen Bodenschichten holen kann. Diese Fähigkeit verleiht starkwachsenden Sorten eine Robustheit. Sie verkraften Stressfaktoren wie Temperaturschwankungen, Spätfröste und veränderte Pilz- und Schädlingsverhältnisse besser.

Ökologische und genetische Vielfalt erhalten

Viele ältere Sorten sind genetisch vielfältiger als moderne Züchtungen. Sie besitzen teils jahrhundertealte Anpassungen an lokale Böden und Wetterbedingungen. Diese Vielfalt erhöht die Chance, dass einzelne Sorten auch unter veränderten Klimabedingungen gut gedeihen.

Weniger anfällig für neue oder wiederkehrende Krankheiten

Die Resistenz vieler moderner Sorten basiert lediglich auf einem Resistenzgen. Diese kann leicht durchbrochen werden (wie inzwischen vielfach geschehen). Alte Obstsorten mit komplexer genetischer Widerstandsfähigkeit sind hier im Vorteil.

Langlebigkeit und Nachhaltigkeit

Starkwachsende Bäume sind oft langlebiger – und somit nachhaltiger. In Zeiten knapper Ressourcen und wachsender Umweltprobleme ist es sinnvoll, in robuste, langlebige Systeme zu investieren.

Auswahl geeigneter Sorten

Sorte Genussreife Wuchs / Anfälligkeit
Biesterfelder Renette Aug. – Okt. Stark, breit (k, m)
Bittenfelder Nov. – März Stark
Bramleys Seedling Dez. – Apr. Stark, breit
Boskoop/Roter Boskoop Nov. – März Sehr stark (s)
Brettacher Nov. – Apr. Stark
Damason Renette Dez. – Apr. Mittelstark bis stark
Eifeler Rambur Nov. – Febr. Stark (k)
Finkenwerder Prinz Okt. – Jan. Mittelstark
Fromms Goldrenette (echt) Okt. – Dez. Stark
Galloway Pepping Okt. – Dez. Stark
Gelbe Schafsnase (Rheinland) Nov. – Feb. Stark
Gewürzluiken Nov. – Feb. Stark (k)
Grahams Jubiläum Sept. – Okt. Stark
Gravensteiner Aug. – Okt. Sehr stark (s)
Holsteiner Cox Okt. – Dez. Stark, breit (k, m)
Horneburger Pfannkuchenapfel Dez. – Apr. Stark (m)
Jakob Fischer Aug. – Sept. Sehr stark, breit
Kesseltaler Streifling Sept. – Okt. Stark
Stina Lohmann (Korbinian) Dez. – Apr. Stark
Lohrer Rambur Dez. – März Stark
Luxemburger Triumph Okt. – Dez. Sehr stark, breit
Martens Sämling Sept. – Nov. Stark bis sehr stark
(Neue) Orleans Renette Okt. – März Stark (k)
Notarisappel Okt. – Dez. Stark
Rheinischer Bohnapfel Nov. – Apr. Stark, steil (k)
Rheinischer Winterrambur Nov. – Febr. Stark, breit (k)
Riesenboiken Nov. – März Stark, breit
Rote Sternrenette Okt. – Dez. Stark, steil
Roter Bellefleur Nov. – März Mittelstark bis stark
Schneiderapfel Nov. – Jan. Sehr stark
Sonnenwirtsapfel Okt. – Febr. Stark bis sehr stark
Spätblühender Taffetapfel Sept. – Okt. Stark (sehr späte Blüte)
Tiefenblüte Okt. – Febr. Stark (k)
Uelzener Rambur Okt. – Dez. Stark
Weißer Winterglockenapfel Dez. – Mai Mittelstark bis stark (s)
Welschisner (Gr.Böhm.Brünnerling) Dez. – Mai Stark
Wiltshire Nov. – Febr. Stark
Wöbers Rambur Nov. – Apr. Sehr stark
Zabergäu-Renette Nov. – März Stark (k)

Legende: (k) = etwas krebsanfällig; schwere bzw. staunasse Böden meiden (m) = etwas mehltauanfällig; warme Standorte meiden (s) = etwas schorfanfällig, nur für gut durchlüftete Standorte (mo) = anfällig für Monilia-Spitzendürre

Forschungsbedarf

Es besteht ein erheblicher Forschungsbedarf, insbesondere im Hinblick auf die Eignung von Apfelsorten unter veränderten Umweltbedingungen, ihre Krankheitsresistenzen und ihre Rolle in nachhaltigen Anbausystemen. Genetische Vielfalt und Sortenerhaltung

  • Genetische Charakterisierung alter Sorten zur Erhaltung und Nutzung der Biodiversität.
  • Bewertung innerartlicher Diversität hinsichtlich Resistenzen gegen Pilz- und Bakterienkrankheiten.
  • Einbindung alter Sorten in moderne Züchtungsprogramme zur Entwicklung robuster Sorten.

Krankheits- und Schädlingsresistenz

  • Untersuchung der Resistenz alter Sorten gegenüber Apfelschorf, Mehltau und Feuerbrand, Schwarzem Rindenbrand.
  • Langzeitstudien zur natürlichen Schädlingsresistenz auf extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen.

Anpassung an Klimawandel und Standortfaktoren

  • Analyse der Toleranz alter Sorten gegenüber Hitze, Trockenheit und Frost.
  • Regionale Eignungsprüfung alter Sorten für unterschiedliche Boden- und Klimabedingungen.

Ertragsverhalten und Fruchtqualität

  • Bewertung von Ertrag, Alternanz, Fruchtansatz und Lagerfähigkeit unter extensiven Bedingungen.
  • Sensorische Analysen und Verarbeitungsqualität der Früchte (z. B. für Most oder Saft).

Ökologische Funktion in der Streuobstwiese

  • Erforschung des Beitrags alter Sorten zur Biodiversität von Flora und Fauna.
  • Untersuchung der Blühzeit und deren Bedeutung für Bestäuber und Nützlinge.

Einzelnachweise

Auswahl robuster Birnensorten für die Streuobstwiese

Birnenkrankheiten und ihre Relevanz

Die wichtigsten Krankheiten von Birnen sind:

  • Feuerbrand (Erwinia amylovora): Hochinfektiös und für Birnen besonders gefährlich. Prioritär bei Sortenwahl.
  • Birnenschorf (Venturia pirina): Im Streuobstbau ist er nur moderat relevant.
  • Birnengitterrost (Gymnosporangium fuscum): Befall hängt vom Vorkommen von Zier-Wacholderarten in der Umgebung ab. Krankheit vor allem für junge Bäume relevant, bei Altbäumen wird Gefahr oft überschätzt.
  • Birnenverfall (Pear Decline): Eine chronische Krankheit, die oft unterschätzt wird, Bäume schwächt und zum Absterben bringt.
  • Fruchtmonilia (Monilinia fructigena) und Sonnenbrand: Infolge extremer Witterung zunehmend relevant.

Krankheitsanfälligkeit von Tafelbirnen

Jan Bade (2019)[1] stellt fest, dass die Widerstandsfähigkeit vieler Standardsorten wie Gellerts Butterbirne, Clapps Liebling oder Williams Christ in ihrer gegen Krankheiten deutlich nachlässt. Bei diesen Sorten nehmen u. a. Schorf, Sonnenbrand und Fruchtmonilia zu. Einige andere Sorten, wie beispielsweise Conference oder Gute Luise, zeigen starke Triebschorfanfälligkeit. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Anfälligkeit von Tafelbirnen gegenüber einigen Krankheiten.

Tabelle 1: Birnensortenanfälligkeiten im Vergleich. Quelle: Jan Bade, 2019[1]
Tabelle 1: Birnensortenanfälligkeiten im Vergleich. Quelle: Jan Bade, 2019[1]


Es gibt jedoch auch etliche Birnensorten, die gegen die genannten Krankheiten wenig oder kaum anfällig sind. Jan Bade (2019)[1] empfiehlt in diesem Zusammenhang folgende Sorten:

Tabelle 1: Empfehlenswerte Tafelbirnensorten. Quelle: Jan Bade, 2019[1]
Tabelle 1: Empfehlenswerte Tafelbirnensorten. Quelle: Jan Bade, 2019[1]


FRUCTUS (2021)[2] empfiehlt insbesondere noch zwei neuere Züchtungen mit hoher Toleranz gegen Feuerbrand: Harrow Sweet (Kanada): Feuerbrand- und schorftolerant, aromatische Herbstbirne und Harrow Delight (Kanada): reift vier Wochen früher, ansonsten ähnliche Eigenschaften. Daneben werden von FRUCTUS folgende robuste Birnensorten empfohlen:

  • Bayrische Weinbirne: groß bis sehr groß, saftig und süß-herb mit hohem Zuckergehalt; gute Most- und Dörrbirne.
  • Josephine von Mecheln: mittelgroß; saftig, fein schmelzend; mit angenehmem Gewürz bei relativ wenig Zucker.
  • Madame Verté: mittelgroß, halbschmelzen von feiner, etwas körniger Textur, saftig angenehm süß und aromatisch.
  • Kieffers Sämling: schorffrei, frosthart, mit Quittenaroma, eine ausgezeichnete Dörrbirne
  • Metzer Bratbirne nach Kessler: mittelgroß, festes, knackiges Fleisch von grobkörniger Textur; saftig, süß-säuerlich wenn teigig, ansonsten herb und sehr adstringierend, eine typische Mostbirne.
  • Wahlsche Schnapsbirne: ist sehr aromatisch und enthält kaum Gerbstoffe. Ausschließlich und hervorragend zum Brennen geeignet, übertrifft im Aromagehalt die Williams.
  • Wilde Eierbirne: robust, geringe Standortansprüche, zum Mosten und Dörren gleichermaßen geeignet.

Spätblühende Birnensorten und Birnensorten mit langer Blühzeit

In den vergangenen Jahren führte der Frost in einigen Teilen Deutschlands zu verheerenden Folgen für die Obstbauern und die Besitzer von Streuobstwiesen. Zuvor hatten u. a. die Birnbäume wegen des ungewöhnlich warmen Frühjahrs schon stark ausgetrieben. Daher wurde an unterschiedlichen Orten geprüft, ob es spätblühende Birnensorten gibt, die von Frühjahrsfrösten nicht betroffen sind. Dabei stellte sich heraus, dass die Sortenunterschiede bei den Birnensorten hinsichtlich des Blühzeitraums im Gegensatz zu den Apfelsorten nur gering sind.

Birnenblüte. c.ARCHE NOAH Rupert Pessl

So wurde im Obstsortengarten der Oberlausitz-Stiftung in Ostritz (Ostsachsen) in den Jahren 2023 und 2024 bei allen Birnensorten eine Blühzeit von 10-16 Tagen festgestellt. Bei keiner der Sorten konnte eine längere oder deutlich spätere Blühzeit festgestellt werden.[3] Auch bei einer anderen Suche nach spätblühenden Sorten in einem mehrjährigen Projekt musste festgestellt werden: Bei den spät blühenden Sorten handelt es sich ausschließlich um einige Wirtschaftsbirnen: Herbstfeigenbirne, Karlebirne, Späte Weinbirne, Subira, Weitfelder Birne, Wolfsbirne. „Unter den mittelspät- bis spät blühenden Sorten hat die „Vereinsdechantsbirne“ mit den Tochtersorten „Jeanne d’Arc“ und „Dolacomi“ Tafelqualität, ebenso wie die Sorte „Fertilia Delbard“, die 1960 gezüchtet wurde.“ [4] Frosttolerante Birnensorten können sich auch dadurch auszeichnen, dass sie widerstandsfähige Blüten haben. Auch eine lange Blühzeit von Birnensorten ist von Vorteil; denn so können Sorten, die zu einem frühen Zeitpunkt vom Frost betroffen waren, bei einem späteren Zeitpunkt ohne Frost doch noch Ertrag bringen. Eine lange Blühzeit erhöht jedoch auch die Gefahr von Infektionen (Feuerbrand etc.).[5]Bei einer Bonitur wurde eine etwas längere Blütezeit jedoch nur bei den wenigen folgenden Sorten festgestellt: Gelbmöstler, Gwährbirne, Hardenponts Winterbutterbirne, Nordhäuser Winterforelle, Seitersbirne, Sülibirne.[4]

Schlussfolgerung und Ausblick

Die systematische Neubewertung alter und neuer Sorten zeigt, dass für den Streuobstanbau im Klimawandel derzeit noch durchaus geeignete Alternativen zum herkömmlichen Standardsortiment existieren. Die Bewertung der Krankheitsanfälligkeit einer Obstsorte im Streuobstbau ist jedoch eine komplexe Aufgabe, da sie von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Die Beobachtungen an einem Standort müssen nicht für alle Lagen Gültigkeit haben und können sich im Laufe der Zeit ändern. Dennoch sind fundierte Einschätzungen bei der Sortenwahl sehr wertvoll und sollten durch weitere Beobachtungen an verschiedenen Standorten ergänzt werden. Eine länderübergreifende Bonitierung unter Einbindung von Sammlungen und Erhalternetzwerken ist sehr zu empfehlen. Dazu sind eine Harmonisierung der Methodik und Schulungen notwendig. Zukünftige Pflanzempfehlungen müssen neben dem Geschmack auch die Widerstandskraft gegenüber Krankheiten, die Klimastabilität und den Pflegebedarf berücksichtigen.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Bade, J. (2019). Tafelbirnen. Krankheitsanfälligkeit beim Standard-Sortiment und Alternativen. In Pomologen-Verein Jahresheft, 74–79.
  2. FRUCTUS (2021). Sortenliste Feldobstbau – Robuste Birnensorten. Agroscope/Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft.
  3. Schlitt, M. (2025). Empfehlungen von Obstsorten. In Obstbäume, Frost und Klimawandel. Erfahrungen aus der Praxis – Strategien für die Zukunft. Schlitt, M. (Herausgeber), Görlitz, 22–31.
  4. 4,0 4,1 Haug, P. et. al. (2025). Abschlussbericht zum Projekt Auslese und Entwicklung frosttoleranter Apfel- und Birnensorten zur Vermeidung von Spätfrostschäden im ökologischen Obstbau, Weinsheim.
  5. Schlitt, M. (2025). Obstsorten mit langer Blühzeit und/oder widerstandsfähigen Blüten. In Obstbäume, Frost und Klimawandel. Erfahrungen aus der Praxis – Strategien für die Zukunft. Schlitt, M. (Herausgeber), Görlitz, 33–35.

Spätblühende Obstsorten: Natürlicher Schutz gegen Spätfrost

Warum Spätblüher immer wichtiger werden

Der Klimawandel verändert nicht nur Temperaturen und Niederschlagsmuster, sondern auch die Phänologie, den jahreszeitlichen Rhythmus von Pflanzen. In vielen Regionen beginnt die Vegetationsperiode früher, was dazu führt, dass Obstbäume früher blühen. Zugleich nehmen Spätfröste im Frühjahr nicht ab, im Gegenteil: milde Winter mit plötzlichen Kälteeinbrüchen im März oder April treten häufiger auf. Für viele klassische Obstsorten kann das fatal sein: Frühe Blüten erfrieren, die Ernte fällt aus.

Erfrorene Blüte 2017 c.Christian König

Was sind spätblühende Sorten?

Spätblühende Obstsorten treiben ihre Blüten erst spät im Frühjahr aus, oft drei bis vier Wochen nach den Standardsorten. Dadurch vermeiden sie die gefährlichsten Frostnächte. Diese Eigenschaft ist genetisch bedingt und bleibt bei einer Sorte meist über Jahre stabil, auch wenn sich das Wetter jährlich ändert.

Beispiele für spätblühende Obstsorten

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Hinweisen auf spätblühende Sorten, die jedoch „zum Teil „mit Vorsicht zu genießen“ sind, weil

  • nicht immer sichergestellt ist, ob die spätblühende Sorte tatsächlich sortenecht ist. Selbst in den Sammlungen der Deutschen Genbank Obst haben sich bei den pomologischen und molekulargenetischen Überprüfungen zahlreiche Sorten als nicht „echt“ herausgestellt,
  • aus der Tatsache, dass ein einziger Baum an einem bestimmten Standort den Frost gut überstanden hat, nicht generelle Empfehlungen gegeben werden können,
  • in der Regel nicht benannt wird, ob sich die empfohlenen Sorten auf Hochstämmen oder anderen Unterlagen bewährt haben,
  • vermutlich auch die Unterlage einer Sorte Auswirkungen auf den Blühzeitpunkt hat,
  • dieselbe Obstart, Gattung oder Sorte an unterschiedlichen Standorten unterschiedlich empfindlich gegen Blütenfrost ist. D. h., dass bei bestimmten Umständen eine Sorte A in dem einen Jahr einige Tage vor der Sorte B blüht und in einem anderen Jahr umgekehrt. Dies ist u. a. abhängig davon, ob der Temperaturanstieg über die Wochen im Spätwinter kontinuierlich erfolgt oder wechselhaft mit Extremen und Rückfällen in Frostperioden. Oder auch abhängig ist von der Amplitude der Temperaturschwankungen und auch den erreichten jeweiligen Schwellwerten.

Dabei gilt es nicht nur die Temperaturen zu berücksichtigen, sondern auch andere Faktoren wie Luftfeuchte, Niederschlag und Windgeschwindigkeit. Insgesamt handelt es sich also um ein sehr komplexes System, das für die Anfälligkeit gegenüber Frühjahrsfrösten verantwortlich ist. Für die Praxis ergibt sich aus dem Vorstehenden die Empfehlung, die folgenden Hinweise auf spätblühende Sorten „mit Vorsicht zu genießen“. Zielführender ist es vermutlich, über etliche Jahre zu beobachten, welche Sorten in wettermäßig kritischen Jahren positiv hinsichtlich ihres Ertrags auffallen.

Spätblühende Apfelsorten

Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Apfelsorten (2025, 25-28):

Spätblühernder Taffetapfel c.ARCHE NOAH
Spätblüher von Bockedra c.Michael Schlitt.jpg

Auer Straßenapfel, Beimerstetter Luiken, Bittenfelder, Bovarde, Christiansapfel, Damasonrenette, Engelsberger, Falsche rheinische Schafsnase, Gelbe sächsische Renette, Gelber Münsterländer Borsdorfer, Ginger Luiken, Grünapfel, Heslacher Gereutapfel, Königlicher Kurzstiel, Krügers Dickstiel, Luxemburger Triumph, Mutterapfel, Niederhelfenschwiler Beeriapfel, Oberrieder Glanzrenette, Rote Sternrenette, Roter Bellefleur, Schöner aus Elmpt, Schöner aus Wiedenbrück, Siebenschläfer, Spätblühender Taffetapfel, Spätblüher aus Ishta, Spätblüher von Bockedra, Süßer Pfaffenapfel, Thurgauer Borsdorfer, Thurgauer Weinapfel, Tulpenapfel (Rheinland), Westfälischer Gülderling.

Weitere spätblühende Apfelsorten sind: Belle fille d‘Indre und Hans-Ulrich Apfel.

Hans Ulrich Apfel c.ARCHE NOAH

Die Englische National Fruit Collection sowie die französische Datenbank Pomiferous bieten die Möglichkeit, gezielt nach weiteren spätblühenden Sorten zu suchen. Nur wenige der dort erwähnten spätblühenden Sorten sind jedoch in deutschen Baumschulen erhältlich.

Spätblühende Birnensorten

Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Birnensorten: Capiaumont, Doctor Lentier, Dolacomi (mittelspät bis spät), Egnacher Mostbirne (mittelspät bis spät), Fertilia Delbard (mittelspät bis spät), General Leclerc, General Totleben, Grüne Jagdbirne, Jeanne d´Arc (mittelspät bis spät), Karlebirne, Mortillets Butterbirne, Normännische Ciderbirne (mittelspät bis spät), Späte Weinbirne, Subira (mittelspät bis spät), Triumph aus Vienne, van Mons Butterbirne, Vereinsdechantsbirne (mittelspät bis spät), Weitfelder Birne, Welsche Bratbirne (mittelspät bis spät), Wolfsbirne.

Spätblühende Kirschsorten

Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Kirschsorten: Büttners rote Knorpelkirsche, Dönissens gelbe Knorpelkirsche, Doppelte Glaskirsche, Fromms Herzkirsche, Königliche Amarelle, Porzellankirsche, Winklers weiße Herzkirsche.

Spätblühende Pflaumensorten

Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Pflaumensorten: Anna Späth, Schöne aus Löwen und Haferpflaume.

Spätblühende Walnusssorten

Christian König nennt folgende spätblühende Wallnussorten: Nr. 26 (Austrieb spät bis sehr spät, Blütezeit: spät), Mayette (Austrieb spät, Blütezeit: spät), Mars (Austrieb mittel bis spät, Blütezeit: spät), Lara (Austrieb spät, Blütezeit: mittel).

Forschungsbedarf

Trotz ihres agronomischen Potenzials besteht in verschiedenen Bereichen Forschungsbedarf, um ihre Eignung für den Erwerbs- und Hausgartenbau sowie ihre Anpassung an zukünftige klimatische Bedingungen systematisch zu untersuchen. Züchtung und Genetik

  • Identifikation genetischer Faktoren, die eine späte Blütezeit bedingen.
  • Aufbau von Kreuzungsprogrammen zur Entwicklung neuer spätblühender Sorten mit hoher Fruchtqualität.
  • Etablierung molekularbiologischer Marker zur frühzeitigen Selektion geeigneter Genotypen.

Anpassung an den Klimawandel

  • Weiterentwicklung phänologischer Modelle zur Blühzeitprognose unter veränderten Klimabedingungen.
  • Langzeitstudien zur Veränderung von Blühzeitpunkten durch Temperaturanstieg.
  • Regionale Eignungsprüfungen spätblühender Sorten unter variierenden Klimaszenarien.

Blühverhalten und Umweltfaktoren

  • Analyse des Einflusses von Wind, Temperatur, Bodenbeschaffenheit und Wasserverfügbarkeit auf das Blühverhalten.
  • Untersuchung der Synchronität zwischen Blühzeitpunkt und Aktivitätsphasen von Bestäubern.

Bestäubung und Ertragssicherheit

  • Studien zur Bestäubungsökologie spätblühender Sorten.
  • Bewertung der Auswirkungen später Blüte auf Fruchtansatz und Ertragssicherheit.

Praxisrelevanz und Anbaueignung

  • Wirtschaftlichkeitsanalysen spätblühender Sorten im Erwerbsobstbau.
  • Systematische Sortenprüfungen hinsichtlich Ertrag, Geschmack und Lagerfähigkeit.
  • Anpassung von Pflege- und Schnittmaßnahmen an das phänologische Verhalten spätblühender Sorten.

Weitere relevante Forschungsfragen

  • Untersuchung der Wechselwirkungen mit verschiedenen Unterlagen hinsichtlich Blühverhalten.
  • Analyse der Eignung spätblühender Sorten im ökologischen Landbau.

Einzelnachweise