Apfelwickler
Apfelwickler
Der Apfelwickler (Cydia pomonella), oft auch Obstmade genannt, ist einer der bedeutendsten Schädlinge im Obstbau und macht auch vor extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen nicht Halt (Müller et al., 2020). Seine Larven bohren sich in Äpfel (aber auch Birnen, Quitten und weiteres Kernobst) und zerstören die Früchte von innen heraus (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, 2021). Auf Streuobstwiesen – die meist ohne intensiven Pflanzenschutz bewirtschaftet werden – gilt es, umweltfreundliche und nachhaltige Bekämpfungsstrategien anzuwenden, die praktikabel und bewährt sind.
Lebenszyklus des Apfelwicklers
Der Apfelwickler überwintert als Larve in einem dichten Kokon, versteckt unter losen Borkenschuppen am Baum oder im Falllaub/Boden (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, 2021). Im späten Frühjahr (meist Mai) verpuppen sich die Larven und die ersten unscheinbar graubraunen Falter schlüpfen mit den ersten warmen Nächten (Müller et al., 2020). Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier an jungen Früchten oder Blättern ab. Etwa 8–14 Tage später schlüpfen die Raupen und bohren sich in die noch kleinen Äpfel ein. Bei warmem Sommerwetter entwickeln sich einige der ersten Generation so schnell, dass ab Juli/August eine zweite Faltergeneration erscheint (Schmidt & Becker, 2019). Deren Weibchen legen wiederum Eier an den nun größeren Früchten ab, und die Larven dieser zweiten Generation verursachen gegen Spätsommer erheblichen Schaden an reifenden Äpfeln.
Schadbild und Symptome
Ein Apfelwicklerbefall ist an typischen Schadbildern zu erkennen. Befallene Apfelfrüchte weisen kleine Bohrlöcher in der Schale auf, aus denen bräunliche Krümel von Raupenkot herausfallen (Umweltbundesamt, 2022). Schneidet man einen solchen Apfel auf, findet sich ein zerfressenes Kerngehäuse mit einer weißen, später rosa-fleischfarbenen Larve mit braunem Kopf.
Präventive Maßnahmen
Die wirksamste Strategie zur Kontrolle des Apfelwicklers auf Streuobstwiesen sind präventive Maßnahmen. Ziel ist es, den Befallsdruck durch eine Kombination aus mechanisch-physikalischen, biologischen und – nur im Ausnahmefall – chemischen Maßnahmen so gering wie möglich zu halten. Dabei steht der Erhalt des ökologischen Gleichgewichts im Vordergrund, um langfristig stabile und artenreiche Streuobstsysteme zu fördern. Ein zentrales Element ist das regelmäßige Absammeln befallener und herabgefallener Früchte, insbesondere während der Sommermonate. So werden Larven, die sich im Inneren der Äpfel entwickeln, rechtzeitig entfernt, bevor sie sich verpuppen und als zweite Generation erneut Schaden anrichten können. Darüber hinaus spielt die Förderung von Nützlingen eine wichtige Rolle. Verschiedene Tiere, wie zum Beispiel Hühner, Fledermäuse, verschiedene Vogelarten (wie Meisen oder Spechte) und Insekten wie der Ohrwurm , tragen maßgeblich zur natürlichen Regulierung des Apfelwicklers bei. Die Lebensräume der Nützlinge sollten erhalten und gezielt gefördert werden – beispielsweise durch Nistkästen, Totholzbereiche oder Blumenwiesen. Auch die Sortenwahl kann zur Prävention beitragen. So sind spätreifende Apfelsorten (Königlicher Kurzstiel, Roter Bellefleur, Siebenschläfer, Mutterapfel etc.) weniger anfällig gegenüber dem Apfelwickler (Schmidt & Becker, 2019).
Mechanische und physikalische Bekämpfungsmethoden
Ein bewährtes – aber kein hundertprozentig erfolgreiches - Verfahren ist das Anbringen von Wellpappe-Fanggürteln um die Stämme der Bäume. Die Larven des Apfelwicklers wandern zur Verpuppung in die Baumrinde oder den Boden. Der künstlich geschaffene Unterschlupf in der Wellpappe wird gerne angenommen. Dazu wird ein 10 bis 20 Zentimeter breiter Streifen Wellpappe eng um den Stamm der Apfelbäume gewickelt und sicher befestigt. Die Raupen der ersten Generation nutzen diese Verstecke, um sich darin zur Verpuppung zurückzuziehen. Auch Stützpfähle sollten mit Fangwellen versehen werden, da die Larven alternativ dorthin ausweichen können. Eine wöchentliche Kontrolle der Fanggürtel ist notwendig, um den Befall zu überwachen und die darin befindlichen Raupen rechtzeitig zu entfernen. Ab Ende September sollten die Wellpappen mitsamt den darin versteckten Larven vollständig entfernt und fachgerecht entsorgt werden, um die Überwinterung der Apfelwickler zu verhindern (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, 2021). Leimringe, die ebenfalls häufig im Obstbau eingesetzt werden, zeigen hingegen keine Wirkung gegen die adulten Apfelwickler, sondern dienen vornehmlich zur Abwehr des Frostspanners. Eine zusätzliche mechanischen Maßnahme ist der Einsatz von Pheromonfallen. Diese enthalten synthetische Sexuallockstoffe, die gezielt männliche Falter anziehen und in der Falle festhalten. Sie dienen sowohl der Überwachung (Monitoring) als auch – in begrenztem Maß – der Reduktion der Population durch Entzug von Paarungspartnern (Umweltbundesamt, 2022). Der Einsatz von Phermonfallen kann jedoch nicht verhindern, dass befruchtete Weibchen aus Nachbargärten zufliegen können. Auch diese Methode bietet also keinen hundertprozentigen Schutz gegen den Apfelwickler.
Biologische Bekämpfungsmethoden
Die Anwendung biologischer Gegenspieler gewinnt im Streuobstanbau zunehmend an Bedeutung. Möglich ist der gezielte Einsatz von Trichogramma-Schlupfwespen, die Eier des Apfelwicklers parasitieren und somit den Schlupf der Larven verhindern (Kammerer, 2020). Diese winzigen Insekten werden in Form von Eikarten oder Kapseln im Baum verteilt und wirken ausschließlich auf den Apfelwickler, ohne andere Insekten zu schädigen. Im Herbst kann ergänzend der Einsatz von SF-Nematoden (Steinernema feltiae) sinnvoll sein. Diese mikroskopisch kleinen Fadenwürmer werden in wässriger Lösung auf den Boden ausgebracht und bekämpfen dort gezielt überwinternde Larven im Bodenbereich. Ein weiterer biologischer Ansatz ist die Verwendung des Apfelwickler-Granulovirus (CpGV). Dieses Virus befällt ausschließlich die Larven des Apfelwicklers und führt bei ihnen zu einem schnellen Tod. Die Anwendung ist ökologisch unbedenklich und kann sowohl im ökologischen als auch im integrierten Anbau eingesetzt werden (Kammerer, 2020).
Verwirrmethode
Bei der sogenannten „Verwirrmethode“ werden künstlich hergestellte Pheromone – also die Sexuallockstoffe der Apfelwickler-Weibchen – großflächig auf der Streuobstwiese verteilt. Ziel dieser Maßnahme ist es, einen möglichst dichten „Duftstoffteppich“ zu erzeugen, der die Männchen so stark irritiert, dass sie die paarungsbereiten Weibchen nicht mehr finden können. Zur Umsetzung werden in einem Rasterabstand von etwa vier Metern spezielle Duftstoffkapseln in den oberen Kronenbereich der Bäume gehängt. Pro Hektar ergibt sich daraus ein Bedarf von rund 625 Kapseln, um eine gleichmäßige Verteilung zu gewährleisten (Bannier, 2024). Allerdings zeigen Praxiserfahrungen, dass die Wirksamkeit dieser Methode nicht garantiert ist. So berichtet etwa Hans Joachim Bannier, dass er die Verwirrmethode im Jahr 2021 nach den Vorgaben des Herstellers in seinem Obstarboretum eingesetzt hat – mit ernüchterndem Ergebnis: Der Apfelwicklerbefall war dort deutlich stärker als auf einer benachbarten, unbehandelten Streuobstwiese. Offenbar war der Duftstoffteppich nicht ausreichend flächendeckend, wodurch die gewünschte Störung der Partnerfindung ausblieb. Zudem scheint es, als seien durch die Ausbringung der Pheromone auch Apfelwickler aus umliegenden Gebieten angelockt worden, was den Schädlingsdruck zusätzlich erhöhte (Bannier, 2024).
Zugelassene chemische Maßnahmen (Ultima Ratio)
Chemische Pflanzenschutzmittel sollten auf Streuobstwiesen nur als letzter Ausweg in Betracht gezogen werden. Ihr Einsatz ist mit erheblichen Nachteilen verbunden, insbesondere wegen der schlechten Erreichbarkeit der hohen Baumkronen und dem hohen Aufwand für einen effektiven Spritzschutz. Darüber hinaus besteht die Gefahr, auch Nützlinge und andere Nichtzielorganismen zu schädigen. Aus diesem Grund wird der Einsatz von Insektiziden auf extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen von Fachinstitutionen wie dem Robert Koch-Institut (RKI, 2023) grundsätzlich nicht empfohlen.
Forschungsbedarf
Optimierung biologischer Bekämpfungsmethoden
Trichogramma-Schlupfwespen: Die Wirksamkeit von Trichogramma-Schlupfwespen, insbesondere T. evanescens, wurde in Versuchen nachgewiesen. Dennoch besteht Forschungsbedarf hinsichtlich ihrer Anwendung in hochstämmigen Streuobstwiesen, da dort die Ausbringung und Etablierung der Nützlinge erschwert sein kann (Hornig, 2022). Resistenzentwicklung gegen CpGV: Es wurden Apfelwickler-Populationen identifiziert, die eine bis zu 100.000-fach geringere Empfindlichkeit gegenüber dem Cydia pomonella Granulovirus (CpGV) aufweisen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, neue CpGV-Stämme zu entwickeln und deren Wirksamkeit zu testen (Jehle, Johannes et.al. (2023).
Förderung natürlicher Gegenspieler
Die Rolle von Vögeln und Insekten wie Ohrwürmern als natürliche Feinde des Apfelwicklers ist bekannt. Dennoch bedarf es weiterer Forschung, wie Habitatstrukturen gezielt verbessert werden können, um diese Nützlinge effektiv zu fördern (Herz, 2019).
Weiterentwicklung der Verwirrmethode
Die Verwirrmethode zeigt in homogenen Anlagen gute Ergebnisse. In heterogenen Landschaften wie Streuobstwiesen ist die Wirksamkeit jedoch eingeschränkt, da ein flächendeckender Duftstoffteppich schwer zu erreichen ist (Bannier, 2024, Ökolandbau.de, 2019).
Fazit
Die Bekämpfung des Apfelwicklers auf extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen erfordert einen integrierten Ansatz. Durch vorbeugende, mechanische und biologische Maßnahmen kann der Befall deutlich reduziert werden, ohne auf giftige Mittel zurückzugreifen. Die Förderung des Ökosystems und seiner Nützlinge steht dabei im Vordergrund (Müller et al., 2020).
Einzelnachweise
- Bannier, Hans Joachim (2024). Was tun gegen die Obstmade? Jahresheft des Pomologen Verein e. V., S. 224-229.
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (2021). [www.lfl.bayern.de Apfelwickler – Cydia pomonella].
- Herz, Annette/Matray, Silvia (2019). Innovative Maßnahmen zur Förderung der funktionellen Biodiversität im ökologischen Kernobstanbau.
- Hornig, R. (2022). Beobachtungen zum Auftreten und zur Regulierung des Apfelwicklers im biologischen Anbau, Info-Blatt für den Gartenbau in Mecklenburg Vorpommern, 6/2022, S. 250-263.
- Institut für biologische Schädlingsbekämpfung (2021). Strategien zur Regulierung des Apfelwicklers im ökologischen Obstbau
- Jehle, Johannes et.al. (2023). Entwicklung von Resistenz- und Virulenzmanagement- Strategien beim Apfelwicklergranulovirus im Ökologischen Obstbau.
- Kammerer, J. (2020). Biologische Schädlingsbekämpfung im Obstbau. Ulmer Verlag.
- Müller, H., Krause, T. & Lehmann, S. (2020). Integrierter Pflanzenschutz auf Streuobstwiesen. Ökologie und Landbau, 51(3): 45–49.
Ökolandbau.de (2019). Apfelwickler (Cydia pomonella).
- RKI (2023). Bericht zur Umweltverträglichkeit von Insektiziden. Robert Koch-Institut.
- Schmidt, A. & Becker, R. (2019). Streuobstwiesenpflege in der Praxis. BLV Verlag.
- Umweltbundesamt (2022). [www.umweltbundesamt.de Pflanzenschutz im Haus- und Kleingarten. Empfehlungen zur Anwendung von Nützlingen].