Gemeiner Ohrwurm: Unterschied zwischen den Versionen

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==Gemeiner Ohrwurm==
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|right|Gemeiner Ohrwurm (''Forficula auricularia''), Weibchen]]
===Einleitung===
===Einleitung===
Der Gemeine Ohrwurm (''Forficula auricularia'') ist eine weit verbreitete Insektenart der Ordnung Dermaptera, die in mitteleuropäischen Agrarlandschaften regelmäßig auftritt. Er gilt als typischer Allesfresser mit sowohl räuberischen als auch pflanzenfressenden Ernährungsgewohnheiten. In extensiven Obstbausystemen, insbesondere in Streuobstwiesen, wird der Ohrwurm überwiegend als Nützling wahrgenommen, da er eine Vielzahl phytophager Insekten konsumiert. Gleichzeitig kann es unter bestimmten Bedingungen zu Fraßschäden an reifenden Früchten kommen. Die ökologische Rolle des Ohrwurms ist daher ambivalent und stark kontextabhängig. Untersuchungen in Obstbaubetrieben zeigen, dass Ohrwürmer von vielen Bewirtschaftern primär als Nützlinge geschätzt werden, insbesondere aufgrund ihres Beitrags zur Kontrolle von Blattläusen und anderen Schadinsekten. Diese Einschätzung wird insbesondere für mitteleuropäische Obstlandschaften geteilt, in denen der Ohrwurm als integraler Bestandteil des funktionellen Artenspektrums gilt <ref name="Jana">
Der Gemeine Ohrwurm (''Forficula auricularia'') ist eine weit verbreitete Insektenart der Ordnung Dermaptera, die in mitteleuropäischen Agrarlandschaften regelmäßig auftritt. Er gilt als typischer Allesfresser mit sowohl räuberischen als auch pflanzenfressenden Ernährungsgewohnheiten. In extensiven Obstbausystemen, insbesondere in Streuobstwiesen, wird der Ohrwurm überwiegend als Nützling wahrgenommen, da er eine Vielzahl phytophager Insekten konsumiert. Gleichzeitig kann es unter bestimmten Bedingungen zu Fraßschäden an reifenden Früchten kommen. Die ökologische Rolle des Ohrwurms ist daher ambivalent und stark kontextabhängig. Untersuchungen in Obstbaubetrieben zeigen, dass Ohrwürmer von vielen Bewirtschaftern primär als Nützlinge geschätzt werden, insbesondere aufgrund ihres Beitrags zur Kontrolle von Blattläusen und anderen Schadinsekten. Diese Einschätzung wird insbesondere für mitteleuropäische Obstlandschaften geteilt, in denen der Ohrwurm als integraler Bestandteil des funktionellen Artenspektrums gilt <ref name="Jana">
Jana, M. et al. (2015).  
Jana, M. et al. (2015).  
''Forficula auricularia (Dermaptera) in orchards: monitoring seasonal activity, the effect of pesticides, and the perception of European fruit growers on its role as a predator or pest''.  
''Forficula auricularia (Dermaptera) in orchards: monitoring seasonal activity, the effect of pesticides, and the perception of European fruit growers on its role as a predator or pest''.  
Pest Manag Sci. Apr;77(4):1694-1704.  
Pest Manag Science,77(4),1694-1704.  
[https://doi.org/10.1002/ps.6189].
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Für Streuobstwiesen, die durch geringe Eingriffsintensität und hohe strukturelle Vielfalt gekennzeichnet sind, ist diese Art Teil eines komplexen Wirkungsgefüges zwischen Schädlingen, Nützlingen und Kulturpflanzen <ref name="BM">
Für Streuobstwiesen, die durch geringe Eingriffsintensität und hohe strukturelle Vielfalt gekennzeichnet sind, ist diese Art Teil eines komplexen Wirkungsgefüges zwischen Schädlingen, Nützlingen und Kulturpflanzen <ref name="BM">
Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (2020).  
Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (2020).  
''Streuobstanbau in Österreich – Immaterielles Kulturerbe.''.
''Streuobstanbau in Österreich – Immaterielles Kulturerbe.''  
Wien.  
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González-Miguéns, R. et al. (2015).  
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''Speciation patterns in the Forficula auricularia species complex''.  
''Speciation patterns in the Forficula auricularia species complex''.  
Zoological Journal of the Linnean Society. 2020 Nov;190(3):788–823.  
Zoological Journal of the Linnean Society, 190(3), 788–823.  
[https://doi.org/10.1093/zoolinnean/zlaa070].
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Capinera, J. L. (2010).  
Capinera, J. L. (2010).  
''European earwig Forficula auricularia''.  
''European earwig Forficula auricularia''.  
University of Florida IFAS Extension. 2010 Nov;8.  
University of Florida IFAS Extension, 8.  
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===Symptome===
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Riedle-Bauer, M. et al. (2024).  
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''Effect of kaolin treatment on the infestation of ripening grapes with Forficula auricularia''.  
''Effect of kaolin treatment on the infestation of ripening grapes with Forficula auricularia''.  
Mitteilungen Klosterneuburg 74: 17–21.  
Mitteilungen Klosterneuburg, 74, 17–21.  
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===Bekämpfung und Management===
===Bekämpfung und Management===
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Bourne, A. et al. (2019).  
Bourne, A. et al. (2019).  
''Potential of the European earwig (Forficula auricularia) as a biocontrol agent of the soft and stone fruit pest Drosophila suzukii.''.  
''Potential of the European earwig (Forficula auricularia) as a biocontrol agent of the soft and stone fruit pest Drosophila suzukii.''.  
Pest Management Science 75(12): 3340–3345.  
Pest Management Science, 75(12), 3340–3345.  
[https://doi.org/10.1002/ps.5459].
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Solche Maßnahmen sind vor allem für Hausgärten, Kleinflächen oder Einzelbäume praktikabel. In großflächigen Streuobstwiesen mit hoher Strukturvielfalt, zahlreichen Rückzugsräumen und geringer Bewirtschaftungsintensität sind Fallen hingegen nur eingeschränkt wirksam. Aufgrund des hohen Arbeitsaufwands haben sie dort in der Praxis wenig Bedeutung. Entsprechend werden kulturelle Maßnahmen im Streuobstanbau eher als Monitoringinstrument verstanden.
Solche Maßnahmen sind vor allem für Hausgärten, Kleinflächen oder Einzelbäume praktikabel. In großflächigen Streuobstwiesen mit hoher Strukturvielfalt, zahlreichen Rückzugsräumen und geringer Bewirtschaftungsintensität sind Fallen hingegen nur eingeschränkt wirksam. Aufgrund des hohen Arbeitsaufwands haben sie dort in der Praxis wenig Bedeutung. Entsprechend werden kulturelle Maßnahmen im Streuobstanbau eher als Monitoringinstrument verstanden.
Umgekehrt kann Holzwolle in umgedrehten, an Obstbäumen angebrachten Blumentöpfen als künstlicher Unterschlupf dienen, um Ohrwürmer gezielt zu fördern. Auf diese Weise lassen sich Ohrwürmer bei starkem Blattlausbefall als natürliche Gegenspieler nutzen und der Befall einzelner Bäume reduzieren.
Umgekehrt kann Holzwolle in umgedrehten, an Obstbäumen angebrachten Blumentöpfen als künstlicher Unterschlupf dienen, um Ohrwürmer gezielt zu fördern. Auf diese Weise lassen sich Ohrwürmer bei starkem Blattlausbefall als natürliche Gegenspieler nutzen und der Befall einzelner Bäume reduzieren.
====Chemische Maßnahmen====
====Chemische Maßnahmen====
Chemische Maßnahmen spielen im Streuobstanbau gegen Ohrwürmer keine Rolle und stehen im Widerspruch zu den Zielen extensiver Bewirtschaftung. In anderen Kulturen, insbesondere im Weinbau, wurde jedoch die Wirkung bestimmter Insektizide untersucht. Dabei zeigte der Wirkstoff Spinosad eine deutliche Reduktion der Ohrwurmpopulationen, mit mittleren Wirkungsgraden von etwa 50–60 % unter Praxisbedingungen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass Spinosad auch negative Effekte auf Nichtzielorganismen und andere Nützlinge haben kann und bei häufiger Anwendung Resistenzrisiken bestehen <ref name="Riedle"/>.
Chemische Maßnahmen spielen im Streuobstanbau gegen Ohrwürmer keine Rolle und stehen im Widerspruch zu den Zielen extensiver Bewirtschaftung. In anderen Kulturen, insbesondere im Weinbau, wurde jedoch die Wirkung bestimmter Insektizide untersucht. Dabei zeigte der Wirkstoff Spinosad eine deutliche Reduktion der Ohrwurmpopulationen, mit mittleren Wirkungsgraden von etwa 50–60 % unter Praxisbedingungen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass Spinosad auch negative Effekte auf Nichtzielorganismen und andere Nützlinge haben kann und bei häufiger Anwendung Resistenzrisiken bestehen <ref name="Riedle"/>.
Vor diesem Hintergrund wird der Einsatz chemischer Mittel gegen ''Forficula auricularia'' selbst außerhalb des Streuobstkontextes kritisch bewertet. In Streuobstwiesen gelten chemische Maßnahmen als nicht gerechtfertigt, da die Art dort überwiegend als Nützling eingestuft wird und wirtschaftlich relevante Schäden nur in Ausnahmefällen auftreten.
Vor diesem Hintergrund wird der Einsatz chemischer Mittel gegen ''Forficula auricularia'' selbst außerhalb des Streuobstkontextes kritisch bewertet. In Streuobstwiesen gelten chemische Maßnahmen als nicht gerechtfertigt, da die Art dort überwiegend als Nützling eingestuft wird und wirtschaftlich relevante Schäden nur in Ausnahmefällen auftreten.
===Forschung und Entwicklung===
===Forschung und Entwicklung===
Die Forschung zum Gemeinen Ohrwurm konzentriert sich bislang überwiegend auf intensiv bewirtschaftete Kulturen. Für Streuobstwiesen liegen keine spezifischen Studien vor. Aktuelle Arbeiten befassen sich mit der genetischen Differenzierung innerhalb des ''Forficula''-Artenkomplexes sowie mit der Bewertung seiner Rolle als Nützling und potenzieller Schädling. Weitere Forschung ist notwendig, um die Funktion des Ohrwurms in extensiven Obstbausystemen besser zu verstehen und fundierte Empfehlungen für ein angepasstes Management abzuleiten (<ref name="Gonzales"/>,4).
Die Forschung zum Gemeinen Ohrwurm konzentriert sich bislang überwiegend auf intensiv bewirtschaftete Kulturen. Für Streuobstwiesen liegen keine spezifischen Studien vor. Aktuelle Arbeiten befassen sich mit der genetischen Differenzierung innerhalb des ''Forficula''-Artenkomplexes sowie mit der Bewertung seiner Rolle als Nützling und potenzieller Schädling. Weitere Forschung ist notwendig, um die Funktion des Ohrwurms in extensiven Obstbausystemen besser zu verstehen und fundierte Empfehlungen für ein angepasstes Management abzuleiten <ref name="Gonzales"/><ref name="Riedle"/>.
===Einzelnachweise===
===Einzelnachweise===
1. Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (2020). Streuobstanbau in Österreich – Immaterielles Kulturerbe. Wien.
2. González-Miguéns, R. et al. (2020). Speciation patterns in the Forficula auricularia species complex. Zoological Journal of the Linnean Society 190: 1–36.
3. Capinera, J. L. (2010). European earwig Forficula auricularia. University of Florida IFAS Extension.
4. Riedle-Bauer, M. et al. (2024). Effect of kaolin treatment on the infestation of ripening grapes with Forficula auricularia. Mitteilungen Klosterneuburg 74: 17–21.
5. Bourne, A. et al. (2019). Potential of the European earwig (Forficula auricularia) as a biocontrol agent of the soft and stone fruit pest Drosophila suzukii. Pest Management Science 75(12): 3340–3345. https://doi.org/10.1002/ps.5459
6. Jana, M. et al. (2015). Forficula auricularia (Dermaptera) in orchards: monitoring seasonal activity, the effect of pesticides, and the perception of European fruit growers on its role as a predator or pest. Integrated Control in Fruit Crops.
<references />
<references />
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Aktuelle Version vom 4. Februar 2026, 09:42 Uhr

Gemeiner Ohrwurm

Gemeiner Ohrwurm (Forficula auricularia), Weibchen

Einleitung

Der Gemeine Ohrwurm (Forficula auricularia) ist eine weit verbreitete Insektenart der Ordnung Dermaptera, die in mitteleuropäischen Agrarlandschaften regelmäßig auftritt. Er gilt als typischer Allesfresser mit sowohl räuberischen als auch pflanzenfressenden Ernährungsgewohnheiten. In extensiven Obstbausystemen, insbesondere in Streuobstwiesen, wird der Ohrwurm überwiegend als Nützling wahrgenommen, da er eine Vielzahl phytophager Insekten konsumiert. Gleichzeitig kann es unter bestimmten Bedingungen zu Fraßschäden an reifenden Früchten kommen. Die ökologische Rolle des Ohrwurms ist daher ambivalent und stark kontextabhängig. Untersuchungen in Obstbaubetrieben zeigen, dass Ohrwürmer von vielen Bewirtschaftern primär als Nützlinge geschätzt werden, insbesondere aufgrund ihres Beitrags zur Kontrolle von Blattläusen und anderen Schadinsekten. Diese Einschätzung wird insbesondere für mitteleuropäische Obstlandschaften geteilt, in denen der Ohrwurm als integraler Bestandteil des funktionellen Artenspektrums gilt [1]. Für Streuobstwiesen, die durch geringe Eingriffsintensität und hohe strukturelle Vielfalt gekennzeichnet sind, ist diese Art Teil eines komplexen Wirkungsgefüges zwischen Schädlingen, Nützlingen und Kulturpflanzen [2].

Taxonomie / Systematik

  • Reich: Animalia
  • Stamm: Arthropoda
  • Klasse: Insecta
  • Ordnung: Dermaptera
  • Familie: Forficulidae
  • Gattung: Forficula
  • Art: Forficula auricularia Linnaeus, 1758

Neuere systematische Untersuchungen zeigen, dass Forficula auricularia im weiteren Sinn ein Artenkomplex ist, der mehrere kryptische Taxa umfasst. Molekulargenetische Analysen belegen die Existenz mehrerer evolutionärer Linien mit unterschiedlicher biogeographischer Verbreitung im westlichen Paläarktisraum. Morphologisch sind diese Linien weitgehend nicht unterscheidbar, was ihre taxonomische Abgrenzung im Feld erschwert [3].

Verbreitung

Der Gemeine Ohrwurm kommt heute in nahezu ganz Europa vor. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der Iberischen Halbinsel über Mitteleuropa bis nach Osteuropa und Westasien. In Mitteleuropa ist die Art in verschiedensten Lebensräumen anzutreffen, darunter Gärten, Wälder, landwirtschaftliche Kulturen und insbesondere extensiv bewirtschaftete Obstlandschaften. Streuobstwiesen bieten durch ihr Mikroklima, Totholzanteile, Bodenstreu und Baumhöhlen günstige Bedingungen für Populationen [2].

Biologie und Krankheitszyklus

Forficula auricularia ist überwiegend nachtaktiv und verbringt den Tag in geschützten Verstecken wie Rindenspalten, Bodenritzen oder unter Pflanzenresten. Die Art bildet in der Regel eine Generation pro Jahr. Die Überwinterung erfolgt als adultes Tier oder als Ei im Boden. Weibchen zeigen eine ausgeprägte Brutpflege, indem sie die Eier bewachen, reinigen und die frisch geschlüpften Nymphen in den ersten Entwicklungsstadien versorgen. Die Entwicklung umfasst vier Nymphenstadien, bevor im Sommer die Adulttiere erscheinen. Diese biologische Strategie begünstigt stabile Populationen auch unter wechselnden Umweltbedingungen [4].

Symptome

Fraßschäden durch Ohrwürmer äußern sich vor allem an reifen oder bereits vorgeschädigten Früchten. Typisch sind unregelmäßige, oberflächliche Fraßstellen an Apfel-, Birnen- oder Steinobstfrüchten. In Streuobstwiesen werden solche Schäden meist als gering eingeschätzt, da sie nur einen kleinen Teil der Ernte betreffen. Im Vergleich zu intensiven Kulturen sind wirtschaftlich relevante Ertragsverluste selten dokumentiert. In anderen Kulturen, insbesondere im Weinbau, wurden bei hohen Populationsdichten jedoch auch qualitative Beeinträchtigungen beobachtet, etwa durch Kontamination der Trauben mit Insekten oder deren Ausscheidungen [5].

Bekämpfung und Management

Biologische Maßnahmen

Der Ohrwurm selbst ist ein wichtiger generalistischer Räuber und ernährt sich unter anderem von Blattläusen, Eiern und Larven verschiedener Insekten sowie von kleinen Raupen. Durch seine räuberische Aktivität trägt er zur Regulation dieser Schädlinge bei. Darüber hinaus sind für den Ohrwurm mehrere natürliche Gegenspieler beschrieben. Dazu zählen parasitoide Zweiflügler, entomopathogene Pilze wie Metarhizium anisopliae sowie Nematoden, die lokal eine relevante Mortalität verursachen können. Auch Prädation durch Vögel trägt zur natürlichen Regulation der Populationen bei [4]. Besondere Aufmerksamkeit hat der Ohrwurm als potenzieller biologischer Gegenspieler der Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) erhalten. Studien zeigen, dass Forficula auricularia Eier und Larven dieser invasiven Fruchtfliege aktiv frisst und damit zur Reduktion der Population beitragen kann. Diese Rolle als Nützling wird insbesondere in extensiven Obstsystemen diskutiert, in denen chemische Maßnahmen üblicherweise vermieden werden [6].

Kulturelle Maßnahmen

Kulturelle Maßnahmen zielen darauf ab, die Habitatbedingungen so zu gestalten, dass es nicht zu massenhaften Ansammlungen von Ohrwürmern in sensiblen Bereichen kommt. In der Literatur wird insbesondere der Einsatz von Fallen zur Überwachung und lokalen Reduktion der Population beschrieben [4]. Diese Fallen nutzen das natürliche Versteckverhalten der Ohrwürmer und bestehen beispielsweise aus feuchten, eingerollten Zeitungen, Holzwolle in umgedrehten Blumentöpfen oder Brettern mit schmalen Spalten, die tagsüber als Unterschlupf dienen. Die Tiere können regelmäßig aus den Fallen entfernt werden, wodurch sich lokale Dichten begrenzen lassen [4]. Solche Maßnahmen sind vor allem für Hausgärten, Kleinflächen oder Einzelbäume praktikabel. In großflächigen Streuobstwiesen mit hoher Strukturvielfalt, zahlreichen Rückzugsräumen und geringer Bewirtschaftungsintensität sind Fallen hingegen nur eingeschränkt wirksam. Aufgrund des hohen Arbeitsaufwands haben sie dort in der Praxis wenig Bedeutung. Entsprechend werden kulturelle Maßnahmen im Streuobstanbau eher als Monitoringinstrument verstanden. Umgekehrt kann Holzwolle in umgedrehten, an Obstbäumen angebrachten Blumentöpfen als künstlicher Unterschlupf dienen, um Ohrwürmer gezielt zu fördern. Auf diese Weise lassen sich Ohrwürmer bei starkem Blattlausbefall als natürliche Gegenspieler nutzen und der Befall einzelner Bäume reduzieren.

Chemische Maßnahmen

Chemische Maßnahmen spielen im Streuobstanbau gegen Ohrwürmer keine Rolle und stehen im Widerspruch zu den Zielen extensiver Bewirtschaftung. In anderen Kulturen, insbesondere im Weinbau, wurde jedoch die Wirkung bestimmter Insektizide untersucht. Dabei zeigte der Wirkstoff Spinosad eine deutliche Reduktion der Ohrwurmpopulationen, mit mittleren Wirkungsgraden von etwa 50–60 % unter Praxisbedingungen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass Spinosad auch negative Effekte auf Nichtzielorganismen und andere Nützlinge haben kann und bei häufiger Anwendung Resistenzrisiken bestehen [5]. Vor diesem Hintergrund wird der Einsatz chemischer Mittel gegen Forficula auricularia selbst außerhalb des Streuobstkontextes kritisch bewertet. In Streuobstwiesen gelten chemische Maßnahmen als nicht gerechtfertigt, da die Art dort überwiegend als Nützling eingestuft wird und wirtschaftlich relevante Schäden nur in Ausnahmefällen auftreten.

Forschung und Entwicklung

Die Forschung zum Gemeinen Ohrwurm konzentriert sich bislang überwiegend auf intensiv bewirtschaftete Kulturen. Für Streuobstwiesen liegen keine spezifischen Studien vor. Aktuelle Arbeiten befassen sich mit der genetischen Differenzierung innerhalb des Forficula-Artenkomplexes sowie mit der Bewertung seiner Rolle als Nützling und potenzieller Schädling. Weitere Forschung ist notwendig, um die Funktion des Ohrwurms in extensiven Obstbausystemen besser zu verstehen und fundierte Empfehlungen für ein angepasstes Management abzuleiten [3][5].

Einzelnachweise

  1. Jana, M. et al. (2015). Forficula auricularia (Dermaptera) in orchards: monitoring seasonal activity, the effect of pesticides, and the perception of European fruit growers on its role as a predator or pest. Pest Manag Science,77(4),1694-1704. [1].
  2. 2,0 2,1 Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (2020). Streuobstanbau in Österreich – Immaterielles Kulturerbe. Wien.
  3. 3,0 3,1 González-Miguéns, R. et al. (2015). Speciation patterns in the Forficula auricularia species complex. Zoological Journal of the Linnean Society, 190(3), 788–823. [2].
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Capinera, J. L. (2010). European earwig Forficula auricularia. University of Florida IFAS Extension, 8. [3].
  5. 5,0 5,1 5,2 Riedle-Bauer, M. et al. (2024). Effect of kaolin treatment on the infestation of ripening grapes with Forficula auricularia. Mitteilungen Klosterneuburg, 74, 17–21.
  6. Bourne, A. et al. (2019). Potential of the European earwig (Forficula auricularia) as a biocontrol agent of the soft and stone fruit pest Drosophila suzukii.. Pest Management Science, 75(12), 3340–3345. [4].